Anna
Das Ich im Wir
Warum ich Gemeinschaft suche, obwohl ich ziemlich gut allein kann.
Ich kann allein. Vielleicht sogar zu gut.
Alleinerziehende Mutter, Unternehmerin, alleinige Gesellschafterin und Geschäftsführerin meiner eigenen GmbH – in meinem Alltag gibt es ziemlich viele Dinge, bei denen die Verantwortung am Ende bei mir landet. Entscheidungen auch. Und wenn etwas schief läuft, kann ich schlecht eine Etage höher gehen und fragen, wie wir das jetzt lösen. Da ist keine Etage höher. Da bin wieder ich.
Vielleicht wirke ich deshalb auf Menschen häufig sehr stark. Selbstständig. Unabhängig. Manchmal möglicherweise sogar ein bisschen unnahbar. Wie jemand, der niemanden braucht. Und das Merkwürdige daran ist: Es stimmt ja sogar. Zumindest ein bisschen.
Ich kann allein. Aber ich möchte nicht alles allein erleben.
Dieser Satz ist mir in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen. Eigentlich, weil ich versucht habe zu verstehen, warum ich so viel Zeit in Dinge investiere, die zunächst einmal überhaupt nichts mit meinem Beruf oder meinem eigenen Vorankommen zu tun haben. Warum mir mein Dorf so wichtig ist. Warum ich mich politisch engagiere. Warum ich ehrenamtlich arbeite, Ideen entwickle, Menschen zusammenbringe und Projekte anstoße, obwohl mein Kalender bis über beide Ohren gefüllt ist.
Die einfache Antwort wäre: Weil mir Gemeinschaft wichtig ist.
Stimmt. Aber sie reicht mir nicht.
Denn wenn ich ganz ehrlich hinschaue, tue ich das alles nicht nur für andere. Dieser Gedanke ist zunächst vielleicht ein bisschen unbequem, weil Ehrenamt so schön selbstlos klingt. Aber ich bekomme etwas zurück. Nicht im Sinne einer Gegenleistung. Nicht einmal unbedingt Dankbarkeit. Manchmal bekomme ich schließlich auch Widerspruch, genervte Gesichter oder die Erkenntnis, dass eine Idee, die ich selbst großartig fand, bei anderen eher so mittel zündet.
Was ich zurückbekomme, ist Erleben.
Ich möchte erleben, wie aus einem Gedanken etwas wird. Wie jemand darauf reagiert. Wie eine Idee plötzlich Beine bekommt, losläuft, stolpert, sich verändert und irgendwann an einem Ort ankommt, den ich allein vielleicht niemals gefunden hätte. Ich möchte Begeisterung erleben, aber auch Skepsis. Zustimmung und Widerspruch. Dieses kurze Leuchten in einem Gesicht, wenn etwas überspringt. Oder den Moment, in dem ich merke: Mist. Der andere hat recht.
Resonanz eben. Und Resonanz ist etwas ziemlich Unpraktisches. Sie lässt sich nicht allein herstellen.
Vielleicht liegt genau darin für mich der Unterschied zwischen Funktionieren und Erleben. In meinem Alltag gibt es viele Bereiche, in denen mein Ich funktionieren muss. Als Mutter. Als Unternehmerin. Als Geschäftsführerin. Als diejenige, die am Ende entscheidet und Verantwortung trägt. Ich kann organisieren, entscheiden, Probleme lösen, weitermachen. Das ist ein Teil von mir und ich mag diesen Teil sogar.
Aber vielleicht sind all diese Gemeinschaftsprojekte Orte, an denen dieses Ich einmal etwas anderes darf. Es darf in Beziehung sein.
Das heißt nicht, dass ich ständig Menschen um mich herum brauche. Um Gottes willen. Ich bin wirklich gerne allein. Ich brauche Rückzug, Ruhe und meine eigenen Gedanken. Und Gemeinschaft bedeutet für mich auch nicht, dass aus lauter einzelnen Menschen plötzlich eine homogene Masse werden soll, die dasselbe denkt, dasselbe möchte und möglichst
gleichzeitig nickt.
Eigentlich genau das Gegenteil. Sei das Ich im Wir. Denn Wir geht nur mit dir.
Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto mehr mag ich das kleine „Ich“ darin. Ein Wir braucht es nämlich. Eigentlich ziemlich viele davon. Unterschiedliche, manchmal unbequeme, laute, leise, mutige, vorsichtige, kreative, pragmatische Ichs. Menschen, die etwas mitbringen, das ein anderer nicht hat. Und Menschen, die bereit sind, etwas von sich hineinzulegen, ohne vorher genau zu wissen, was zurückkommt.
Vor einiger Zeit bin ich in dem Buch „Generation Skepsis“ von Carsten Stinshoff-Hinselmann an dem Bild vom „verlorenen Dorf“ hängen geblieben. Der Gedanke dahinter beschäftigt sich eigentlich mit Familie und der Frage, wie selbstverständlich wir heute davon ausgehen, dass ein oder zwei Menschen all das allein tragen sollen, was früher auf viele Schultern verteilt war. Familie, Verwandte, Vertraute – ein ganzes Netz von Menschen. Ein Dorf eben. Vielleicht bin ich an diesem Bild auch deshalb hängen geblieben, weil ich tatsächlich in einem lebe.Und weil ich mich frage, ob wir nicht an viel mehr Stellen unseres Lebens unser Dorf verloren haben.
Wir sind wahnsinnig gut darin geworden, allein zurechtzukommen. Wir organisieren uns selbst, optimieren unsere Abläufe, bestellen unser Essen, arbeiten von überall, schreiben Nachrichten statt anzurufen und finden für beinahe jedes Problem irgendein digitales Tool. Selbst Kreativität lässt sich inzwischen erstaunlich weit automatisieren. Ein Knopfdruck, ein paar Sekunden warten – fertig.
Effizient? Absolut. Aber erlebt? Ich weiß es nicht.
Vielleicht liegt genau dort mein persönlicher Widerstand gegen ein Leben, das immer effizienter wird. Ich möchte nicht nur Ergebnisse produzieren. Ich möchte den Weg dorthin spüren. Ich möchte dabei sein, wenn etwas entsteht. Mit den Umwegen, Diskussionen, Fehlern, Lachern, genervten Blicken und diesen wunderbaren Momenten, in denen plötzlich etwas funktioniert.
Und während ich das schreibe, merke ich, dass „Resonanz“ dafür vielleicht sogar noch zu sachlich ist. Denn das, was ich dabei bekomme, ist manchmal fast wie eine Umarmung für meine Seele.
Der Satz klingt größer, als ich normalerweise über mein eigenes Tun sprechen würde. Aber ich finde gerade keinen besseren. Vielleicht baue ich mir mit all diesen Dingen tatsächlich Räume, in denen meine Seele etwas bekommt, das mein unktionierendes Ich ihr nicht geben kann. Nicht weil diesem Ich etwas fehlt. Sondern weil man sich selbst nun einmal
schlecht Resonanz geben kann. Dafür braucht es ein Gegenüber.
Einen Menschen, der lacht. Einen, der widerspricht. Einen, der plötzlich eine Idee weiterspinnt. Einen, der etwas völlig anders sieht. Einen, der mitmacht. Vielleicht auch einen, der mich wahnsinnig macht. Ein Du. Und plötzlich sind wir schon zwei.
Vielleicht berührt mich deshalb auch dieser eine Satz aus dem Matthäusevangelium so sehr: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Früher hätte ich bei diesem Satz wahrscheinlich vor allem an Kirche gedacht. Heute bleibe ich an einem anderen Wort hängen: mitten. Nicht über ihnen. Nicht irgendwo weit weg. Mitten unter ihnen. Im Dazwischen.
Vielleicht ist es genau dieses Dazwischen, das ich immer wieder suche. Nicht weil ich allein nicht klarkomme. Sondern weil dort etwas entstehen kann, das keiner von uns allein herstellen kann. Ich bringe etwas mit. Du bringst etwas mit. Und irgendwo zwischen uns verändert sich beides. Wie Buchstaben. Jeder für sich vollständig und eindeutig erkennbar. Keiner muss seine Form verlieren, damit ein Wort entstehen kann. Er muss nur neben einem anderen stehen.
Vielleicht erklärt das ziemlich viel von dem, was ich tue. Warum mir mein Dorf nicht egal ist. Warum ich mich einmische. Warum ich politisch Verantwortung übernehmen möchte. Warum ich Menschen zusammenbringe und wahrscheinlich auch, warum ich manchmal mehr Energie in eine Idee stecke, als wirtschaftlich, zeitlich oder vernünftig betrachtet unbedingt ratsam wäre. Ich will wissen, was daraus wird. Und ich möchte dabei gewesen sein.
Vielleicht ist das mein persönliches Bedürfnis hinter Gemeinschaft. Nicht gebraucht zu werden. Nicht überall dazuzugehören. Nicht möglichst viele Menschen um mich herum zu haben. Sondern mein Ich hineinzulegen und nicht genau zu wissen, was zurückkommt.
Und vielleicht muss ich dafür auch gar nicht weniger stark, weniger selbstständig oder weniger „Ich“ sein. Vielleicht habe ich das lange falsch herum gedacht. Ein echtes Wir entsteht schließlich nicht dort, wo Menschen ihr Ich an der Tür abgeben. Es entsteht dort, wo sie es mit hineinbringen. Mit seinen Fähigkeiten und Macken, seiner Stärke und seiner Unsicherheit, seinen Ideen und Grenzen.
Ich kann allein. Aber manches möchte ich gar nicht allein können. Und du? Wo ist dein Ich im Wir?
Denn Wir geht nur mit dir.


