Anna
Wie viel Plan braucht mein eigener Weg?
Ich entwickle Konzepte, gebe Menschen Orientierung und habe selbst gern einen Plan. Nur hält sich das Leben selten daran. Ein Gedanke über klare Ziele, Schritte ins Offene und das Gespür dafür, was gerade gebraucht wird.
Ich gebe anderen Menschen Halt und Orientierung. Das sagen mir meine Kunden immer wieder. Durch meine Art zu arbeiten, durch das gemeinsame Sortieren ihrer Gedanken und durch das, was am Ende daraus entsteht: eine Richtung für ihre Marke, ein Konzept, ein Auftritt, in dem sie sich wiederfinden. Das bedeutet mir viel. Und manchmal denke ich: Schon witzig. Genau danach suche ich selbst.
Halt und Orientierung beschäftigen mich privat schon mein Leben lang. Ich kann beides anderen geben und bin für mich selbst noch immer auf der Suche. Diesen Widerspruch stelle ich auch bei anderen Menschen fest: Da ist jemand beruflich unglaublich gut in etwas, das ihm im eigenen Leben schwerfällt. Vielleicht entwickeln wir gerade dort ein besonderes Gespür, wo wir selbst offene Fragen haben.
Müssen wir etwas für uns selbst gelöst haben, um es anderen geben zu können?
Um acht steht der Plan. Um neun klingelt das Telefon.
An mangelnder Planung liegt es bei mir jedenfalls nicht. Ich bin strukturiert, denke Dinge durch, entwickle Konzepte. Jeder Termin hat seinen Platz. Ich hätte jetzt gern ein etwas charmanteres Wort dafür, aber Kontrollfreak trifft es schon ziemlich gut.
Wenn ich montagmorgens um acht am Schreibtisch sitze, schaue ich in meinen Kalender und weiß, wie die Woche laufen soll. Gleichzeitig weiß ich, dass dieser Plan um neun möglicherweise schon nicht mehr existiert. Ein Kunde ruft an, irgendwo funktioniert etwas nicht, ein Problem möchte gelöst werden. Und schon sortiert sich der Tag neu. So viel zur Kontrolle.
Trotzdem plane ich. Natürlich. Ich arbeite gern durchdacht und möchte wissen, was als Nächstes ansteht. Nur hat das Leben offenbar keinen Zugriff auf meinen Kalender. Oder ignoriert ihn einfach ziemlich konsequent.
Privat ist das nicht anders. Krankheit, Veränderungen, Dinge, die sich durch keinen noch so guten Plan verhindern lassen. Das habe ich erlebt. Manchmal stehen wir da, mit wunderbaren Plänen in der Tasche. Greifen danach und stellen fest: ein großes Loch. Alles weg. Da fühlt sich der Griff nach Sicherheit eher wie ein Griff ins Klo an.
Und nun? Stehen bleiben, weil der ursprüngliche Weg nicht mehr funktioniert? Neu planen? Erst mal einen Schritt machen?
Ich gehe rückwärts.
Zumindest gedanklich. Wenn ich ein klares Ziel erreichen möchte, fange ich dort an, wo ich ankommen will. Ich gehe den Weg rückwärts: Was muss unmittelbar davor passiert sein? Was braucht es dafür? Und welchen Schritt setzt das wiederum voraus? So lange, bis ich bei dem Punkt bin, an dem ich heute stehe.
Für mich ist das der direkteste Weg, aus einer Vorstellung ins Handeln zu kommen. Ich möchte mein Ziel erreichen, möglichst ohne unnötige Umwege. Also denke ich vom Ende her. Das große Vorhaben bekommt einzelne Schritte. Der erste liegt dann plötzlich ziemlich nah.
Eine Garantie ist das natürlich auch nicht. Selbst rückwärts durchdachte Wege können unterwegs eine Baustelle haben.
Lange könnte ich jetzt darüber schreiben, warum ich ein Ziel brauche, um einen Plan zu entwickeln. Aber während ich das tue, merke ich: Damit würde ich einen anderen Weg ziemlich vorschnell ausschließen.
Ich kann auch einen Schritt machen, weil mich etwas interessiert. Eine Idee ausprobieren, einer Begegnung Raum geben, meiner Neugier folgen. Schauen, was passiert. Vielleicht erkenne ich erst dadurch, wohin ich überhaupt möchte.
Einfach mal ins offene Leben laufen.
Das fordert meinen inneren Kontrollfreak natürlich ein bisschen heraus. Denn dabei lässt sich vorher schlecht prüfen, ob der Schritt auch wirklich zum gewünschten Ergebnis führt. Welches Ergebnis überhaupt? Genau das ist ja noch offen.
Gespür für den Moment.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass wir uns für eine dieser Herangehensweisen entscheiden müssen. Als wären wir ein für alle Mal der Mensch mit dem festen Ziel oder der, der einfach losgeht.
Die eigentliche Kunst liegt für mich darin, zu spüren, was die jeweilige Situation erfordert. Wann sollte ich mir Zeit nehmen, mein Ziel klar zu sehen und den Weg dorthin zu durchdenken? Wann darf ich darauf vertrauen, dass der nächste Schritt mir etwas zeigt, das ich von hier aus noch gar nicht sehen kann?
Das braucht Klarheit. Auch darüber, warum ich gerade plane oder abwarte. Bereite ich mich vor? Oder versuche ich, jede Unsicherheit auszuschließen, bevor ich mich bewege? Mit meinem Hang zur Kontrolle komme ich bei diesem Gedanken selbst nicht ganz ungeschoren davon.
Mich beschäftigt, wie oft Ideen und Wünsche genau hier stehen bleiben. Wir denken nach, wägen ab, warten auf mehr Sicherheit. Und machen erst einmal gar nichts. Dabei kann auch der sorgfältigste Plan uns das Anfangen nicht abnehmen.
Vielleicht bedeutet Gespür für den Moment deshalb auch, zu erkennen, wann genug gedacht ist. Auf den eigenen Bauch zu hören und sich den nächsten Schritt zuzutrauen. Mit einem klaren Ziel vor Augen oder mit der Neugier auf das, was hinter der Kurve liegt.
Spürst Du, was gerade dran ist? Bist Du mutig?
Denn Mut ist der Anfang des Handelns.


