Anna
Hältst du mich aus?
Über KI, Seelsorge und unseren Mut zur Resonanz
Es ist spät. Draußen dunkel. Einer dieser Abende, an denen die Gedanken irgendwie lauter werden, wenn es um uns herum leiser wird. Einen Menschen würde ich jetzt vielleicht nicht mehr anrufen. ChatGPT schon. Und plötzlich antwortet da jemand. Oder eben: etwas.
Es hört zu. Geduldig. Unterbricht mich nicht. Wird nicht müde. Muss morgen nicht früh raus. Ich kann einen Gedanken dreimal erklären, mich widersprechen, zurückrudern und fünf Minuten später wieder von vorne anfangen. Kein genervtes Seufzen. Keine hochgezogene Augenbraue. Kein irritierter Blick. Eigentlich ziemlich angenehm. Vielleicht sogar radikal befreiend.
Ich kann einer KI Dinge erzählen, die ich einem Menschen möglicherweise nicht erzählen würde. Gedanken, für die ich mich schäme. Ängste. Wut. Neid. Verletzungen. Vielleicht auch Dinge, bei denen ich selbst weiß: Das war gerade nicht meine Glanzleistung. Und trotzdem bleibt die Antwort freundlich. Keine Verurteilung. Keine Enttäuschung. Kein Gesicht.
Und genau da wird es für mich interessant. Denn vielleicht ist das, was sich zunächst so wunderbar befreiend anfühlt, gleichzeitig das, was uns fehlt: Resonanz.
Eine Antwort ist noch keine Resonanz
Wir kommunizieren heute unglaublich viel. Eigentlich ständig. Wir schreiben Nachrichten, schicken Sprachnachrichten, kommentieren, mailen, liken, prompten. Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir dabei nicht gerade etwas verlernen: die unmittelbare Begegnung.
Ich beobachte das besonders bei jungen Menschen. Zum Telefonhörer greifen und irgendwo anrufen? Um Gottes willen. Lieber eine Mail schreiben. Oder eine Nachricht. Kann ich sogar verstehen. Eine Mail kann ich kontrollieren. Ein Gespräch nicht. Ich kann einen Text dreimal umformulieren, darüber schlafen und inzwischen sogar ChatGPT fragen, wie ich am besten darauf antworte.
Und während ich das schreibe, merke ich: Ich mache das doch selbst. Vielleicht nicht aus Angst vor einem Telefonat. Aber auch ich sortiere Gedanken erst einmal für mich, feile an Worten, suche nach der richtigen Formulierung. Vielleicht ist das manchmal klug. Vielleicht ist es manchmal aber auch nur eine ziemlich elegante Art, der unmittelbaren Reaktion eines anderen Menschen noch ein bisschen aus dem Weg zu gehen.
Denn im Gespräch geht das nicht. Da sagt jemand etwas. Und dann bin ich dran. Jetzt. Vielleicht fehlen mir die Worte. Vielleicht werde ich rot. Vielleicht werde ich wütend. Vielleicht fühle ich mich ertappt. Vielleicht muss ich sogar feststellen, dass ich falschlag. Und manchmal schaut mich mein Gegenüber plötzlich so an, dass ich merke: Mein Satz hat etwas mit ihm gemacht. Und seine Reaktion macht wiederum etwas mit mir.
Das ist Resonanz.
Vielleicht brauche ich sie sogar, um mich lebendig zu fühlen. Denn in der Resonanz erfahre ich nicht nur etwas über mein Gegenüber. Ich erfahre auch etwas über mich selbst. Warum macht mich dieser Satz wütend? Warum verletzt mich diese Reaktion? Warum fühle ich mich angegriffen? Warum möchte ich gerade am liebsten aufstehen und gehen? Und warum berührt mich manchmal ein einziger Satz mehr als hundert wohlformulierte Antworten?
Wenn ich nicht sofort ausweiche, sondern meine eigene Reaktion wahrnehme und reflektiere, kann ich daran wachsen. Ich lerne am anderen. Und ich lerne an mir selbst. Vielleicht erweitert Resonanz genau dadurch unseren Horizont und das, was wir emotionale Intelligenz nennen.
Aber Resonanzfähigkeit braucht Mut. Denn echte Begegnung bedeutet immer ein kleines bisschen Kontrollverlust. Ich sende etwas in die Welt – und kann nicht bestimmen, was zu mir zurückschwingt.
Hältst du mich aus?
Eine KI hält mich scheinbar immer aus. Egal, womit ich um die Ecke komme. Natürlich kann auch sie mir widersprechen. Sie kann meine Gedanken hinterfragen, Perspektiven wechseln und mir durchaus eine Antwort geben, die mir nicht gefällt. Aber ich muss dabei keinen anderen Menschen aushalten.
Keine Enttäuschung. Kein Schweigen. Keinen Blick.
Denn meine Worte können eine KI nicht verletzen. Sie können sie nicht traurig machen, nicht enttäuschen, nicht wütend machen. Sie muss nach unserem Gespräch nicht nach Hause fahren und noch einmal darüber nachdenken, was ich gesagt habe. Für sie steht nichts auf dem Spiel.
Für uns schon.
Wenn ich einem Menschen gegenübersitze und ihm etwas von mir erzähle, geschieht etwas auf beiden Seiten. Mein Gegenüber kann erschrecken. Mitfühlen. Ratlos sein. Lachen. Weinen. Schweigen. Vielleicht sagt er sogar etwas, das ich gerade überhaupt nicht hören möchte. Und trotzdem bleibt er sitzen.
Er hält mich aus. Und ich muss ihn aushalten.
Vielleicht entsteht genau dort Beziehung. Nicht dort, wo wir uns immer gegenseitig bestätigen. Sondern dort, wo wir einander etwas zumuten dürfen – und trotzdem bleiben.
Eigentlich steckt darin eine kleine Ironie unserer Zeit: Wir entwickeln Maschinen, die durch Rückmeldungen verbessert werden können. Gleichzeitig schaffen wir Menschen uns immer mehr Möglichkeiten, unangenehmen Rückmeldungen auszuweichen. Vielleicht sollten wir bei all der Begeisterung darüber, was künstliche Intelligenz noch alles lernen kann, hin und wieder auch fragen, was wir eigentlich noch lernen wollen.
Und was hat das mit Seelsorge zu tun?
Eine ganze Menge.
Gerade in den dunklen Monaten suchen Menschen Trost. Und Weihnachten macht das nicht unbedingt einfacher. Zwischen Lichterketten, Plätzchen und „Driving Home for Christmas“ sitzen auch Einsamkeit, Trauer, zerbrochene Familien, Sorgen und diese ganz eigene Sehnsucht danach, dass doch bitte wenigstens für ein paar Tage alles gut sein möge.
Ist es aber nicht immer.
Und vielleicht ist es nachts tatsächlich leichter, all das zunächst in ein kleines leuchtendes Display zu tippen. Ich finde daran nicht einmal grundsätzlich etwas falsch. Im Gegenteil. KI kann Gedanken sortieren. Sie kann Worte finden, wenn mir selbst gerade welche fehlen. Sie kann mir helfen, eine andere Perspektive einzunehmen. Und sie ist da, wenn sonst gerade niemand erreichbar ist.
Vielleicht liegt genau darin ihre große Stärke. Und vielleicht auch ihre Grenze.
Denn ein Gespräch, nach dem ich mich besser fühle, muss nicht automatisch ein Gespräch sein, an dem ich wachse. Manchmal brauche ich nicht nur Zuspruch. Manchmal brauche ich Zumutung. Vielleicht jemanden, der mir eine Frage stellt, vor der ich mich seit Wochen drücke. Jemanden, der mit mir schweigt, obwohl ich dieses Schweigen kaum aushalte. Einen Menschen, der nicht nur meine Worte verarbeitet, sondern von ihnen berührt wird. Und dessen Reaktion wiederum etwas in mir berührt.
Vielleicht ist genau das Seelsorge.
Nicht für alles eine Antwort zu haben. Sondern da zu sein. Als Mensch. Mit einer eigenen Geschichte. Einer eigenen Verletzlichkeit. Einem eigenen Glauben. Und manchmal auch mit der ehrlichen Ratlosigkeit, dass es auf manche Fragen einfach keine verdammt gute Antwort gibt.
Vielleicht müssen wir genau das wieder ein bisschen mehr lernen: uns gegenseitig auszuhalten. Nicht jede unangenehme Reaktion wegzuwischen. Nicht jedes Gespräch vorzubereiten. Nicht jedes Gefühl sofort zu optimieren. Nicht immer erst nach der perfekten Antwort zu suchen. Sondern wieder anzurufen. Hinzugehen. Sich gegenüberzusetzen.
Und vielleicht einfach einmal zu sagen: Ich weiß gerade nicht weiter.
Kann KI also die bessere Seelsorgerin sein?
Vielleicht kann sie zuhören. Vielleicht findet sie sogar die richtigen Worte.
Aber kann sie sich sorgen?
Wie sollte sie sich um etwas sorgen, das sie weder kennt noch hat:
eine Seele.


